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Ekel: Emotion mit Schutzfaktor

Unangenehm, aber hilfreich – Ekel schützt vor Krankheiten, hält die soziale Gemeinschaft zusammen und unterstützt uns sogar bei moralischen Entscheidungen
von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 28.09.2017

Ekelgefühle: Nicht nur eine Frage der persönlichen Empfindsamkeit

Getty/EPlus/drbimages, Fotolia/visivasnc

Maden im Mehl? Iiiieh! Spinne im Duschablauf? Schauderhaft. Schimmeliges Brot, verdreckte Toilette, Fäulnis, Eiter, Schleim und andere üble Dinge – die Auslöser von Ekel sind vielfältig. Seine mimische Präsenz indes ist weltweit übereinstimmend: gerümpfte Nase, zusammengekniffene Augen, die Oberlippe angehoben. Wenn es besonders schlimm kommt, wird auch die Zunge herausgestreckt. Mit erhöhtem Speichelfluss, Würgereiz, notfalls Erbrechen begleitet das vegetative Nervensystem die üble Angelegenheit. "Ekel gehört zu unserer Grundausstattung an Gefühlen", sagt Sonja Rohrmann, Professorin für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Frankfurt. Wie Angst, Überraschung, Ärger, Trauer und Freude, werde auch der Ekel kulturübergreifend auf gleiche Weise ausgedrückt und erkannt.

Schutz vor Ansteckung und Vergiftung

Ekel ist kein angenehmes Gefühl, soviel steht fest. Aber unverzichtbar, denn Ekel ist eine Emotion mit hohem Schutzfaktor. Man muss Ekel nicht lernen, er steckt in unseren Genen. Forscher gehen heute davon aus, dass sich diese Emotion im Laufe der Evolution zum Schutz vor Ansteckung und Vergiftung ausgebildet hat. Wie zuverlässig die Wirkung bis heute anhält, hat Valerie Curtis, Professorin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, in einer Online-Befragung festgestellt: Bei den 2500 Teilnehmern lösten feuchte Wunden deutlich größeren Ekel aus als trockene; ein Mann mit Fiebersymptomen wirkte abstoßender als ohne diese Krankheitszeichen, eine mit Passagieren dicht gefüllte U-Bahn unangenehmer als eine leere. Curtis betrachtet Ekel als eine "gesunde Empfindsamkeit" gegenüber Krankheitszeichen, unhygienischem Verhalten wie Spucken, Verschmutzung, krankheitsübertragenden Ratten, verdorbenem Essen.

Kulturelle Einflüsse

Welche Nahrung als essbar oder eklig definiert wird, bestimmt heute allerdings weitgehend die Kultur. "Die meisten Europäer schütteln sich bei dem Gedanken, gekochte Schafsaugen zu essen. Für Araber ist dies eine Delikatesse", erklärt die Frankfurter Expertin Rohrmann. Auch die Hygiene und der Umgang mit Körpersekreten seien kulturell geprägt. "Asiaten finden es abscheulich, wenn bei Tisch die Nase geputzt wird. Europäer wiederum sind angewidert, wenn jemand die Nase hochzieht oder Schleim ausspuckt." Paul Rozin, US-Psychologe und Pionier der Ekelforschung, deutet den verbreiteten Widerwillen gegen Ausscheidungen und Blut als eine unbewusste Reaktion auf alles, was an den tierischen Ursprung des Menschen erinnert. Die kulturübergreifende Abscheu vor Verwesung wiederum interpretiert Rozin als eine universelle Furcht vor dem Tod.

Fokussierter Blick gegen Ekel

Wie arrangiert man sich mit Ekelgefühlen, die beispielsweise bei der Arbeit in der Krankenpflege auftreten können? Dr. Christine Pernlochner aus Innsbruck, die Psychologie studiert und angehende Kranken- und Altenpflegekräfte im Umgang mit dieser Emotion unterrichtet hat, nennt als eine wirksame Maßnahme den "fokussierten" Blick: "Man lernt, nur genau jenen kleinen Ausschnitt zu betrachten, der gerade behandelt werden soll", sagt Pernlochner. "Dadurch tritt das Ekelhafte in den Hintergrund."

Moralischer Ekel

Mittlerweile wissen die Forscher recht genau, was im Gehirn abläuft, wenn Ekel im Spiel ist: Insbesondere arbeitet ein spezielles Areal in der rechten Hirnhälfte, der sogenannte anteriore Inselcortex, dann auf Hochtouren. "Diese Aktivierung findet exklusiv bei Ekelgefühlen statt. Dafür reicht es bereits aus, an etwas Ekelerregendes zu denken", sagt die Frankfurter Wissenschaftlerin Rohrmann. Allein die Ähnlichkeit mit einem Ekelobjekt hat schon diese Wirkung: Wird beispielsweise Schokolade in Form eines Hundehaufens offeriert, lehnen die meisten Menschen dankend ab. Ähnlich reagieren Versuchspersonen, wenn sie aufgefordert werden, aus einer sterilisierten Urinflasche Apfelsaft zu trinken, wie US-Psychologe Rozin beobachtete. Die höchste Entwicklungsstufe des Abscheus ist der moralische Ekel. Sexualdelikte, Morde, Übergriffe auf hilflose Personen, Korruption: "Der moralische Ekel spiegelt uns blitzschnell wider, was richtig oder falsch ist", sagt Rohrmann. Er wirkt damit wie ein Kitt für die soziale Gemeinschaft.

Ängstliche Menschen ekeln sich eher

Jedoch ist das Ekelempfinden individuell unterschiedlich ausgeprägt. "Eher ängstliche Menschen sind ekelsensibler als andere", erklärt die Frankfurter Forscherin. Der Grad der Empfindsamkeit wiederum beeinflusst die Weltsicht, wie US-Psychologe David Pizarro von der Cornell University herausfand: Wer besonders ekelsensibel ist, neigt demnach eher zu konservativen Ansichten.

Ekel ist zudem objektabhängig: Windelwechsel beim eigenen Kind? Kein Problem! Beim fremden Baby, selbst dem der besten Freundin, stockt der Atem. Die "Extension des biologischen Selbst", so Expertin Rohrmann, senkt offenbar die Reizschwelle. Ein Phänomen, das größere Kreise ziehen kann: Den Haufen des Nachbarhundes, direkt unter dem eigenen Briefkasten abgelegt, empfindet der Hausbesitzer als ekelhaft und empörend. Deutlich entspannter gibt man sich indes hinsichtlich der Hinterlassenschaften des eigenen Vierbeiners…

Jeder Mensch kennt gute Anlässe, sich mehr oder weniger stark zu ekeln. Christine Pernlochner setzt ihre Kenntnisse zum Umgang mit dieser urtümlichen Emotion seit einiger Zeit auch in einer Branche ein, die als besonders hartgesotten gilt: Als Leiterin eines Bestattungsunternehmens managt sie etwaige Ekelgefühle mit professioneller Distanz. Und privat? "Wenn ich zu Hause nur mal den Duschabfluss gründlich auseinandernehme, um ihn zu reinigen, wird mir schon ganz anders!"



Bildnachweis: Getty/EPlus/drbimages, Fotolia/visivasnc

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